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Donnerstag, 15. November 2018
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Kolumne #5

Im Wartezimmer meiner Zahnärztin

"Wann verliebst du dich endlich wieder?", fragt meine Busenfreundin Irma, während wir im Wartezimmer der Zahnärztin sitzen.

Mein oberer linker Eckzahn muss gezogen werden: Karies durch und durch! Ich bin sicher, die Behandlung wird weh tun, aber Irmas Frage schmerzt mehr, als je ein Zahn schmerzen kann.

"Es wird Zeit, dass du wieder unter die Haube kommst", schiebt Irma hinterher und tätschelt meine eiskalte Hand, die schon fast bläulich aussieht, "du bist schon zu lange alleine, meine Liebe, und wirst immer kompromissloser."

"Ein halbes Jahr ist es erst her", widerspreche ich ihr, "der Durchschnitt lebt nach einer langjährigen Beziehung vier bis sechs Jahre alleine. Ich habe also noch eine Menge Zeit, mich zu verlieben."

Wie kann sie sich gerade jetzt Sorgen um mein Liebesleben machen? Hier in diesem sterilen Raum, weiss getüncht und nach Desinfektionsmittel stinkend, obendrein wird mir gleich die Zahnärztin meinen Giftzahn ziehen.

Wie werde ich je wieder Gift versprühen können, beispielsweise, wenn meine Zukünftige den Motor meines Autos abwürgt, das ich nicht besitze.

"Haben dich deine Ex und ihre Vorgängerinnen so enttäuscht, dass du dich nicht mehr öffnen und auf etwas Neues einlassen kannst?", lässt Irma nicht locker.

"Wenn die »Kosten« der Liebe höher als ihr »Nutzen« sind, kommt es zum Bruch", erwidere ich leichthin und frage mich, da mein Geist weiterhin mit der baldigen Operation beschäftigt ist: "Was mache ich nur, wenn in diesem Eckzahn meine Seele oder mein Geist haust? Dann bin ich nicht nur eine Zahnlose, sondern auch töricht und unbeseelt. Und eine Vampirin kann ich auch nicht mehr werden. Was für Aussichten!"

Irma reibt meine blutleeren Hände. Sie werden wärmer. Nachdenklich sagt sie: "Vielleicht ist es ganz gut, dass dir endlich mal ein Zahn gezogen wird, dann kannst du den schon mal nicht zeigen."

Meine Seele kann nicht in den Stemmern hausen, denke ich beruhigend. Sie ist ein fließendes Etwas und wiederkäut nicht Probleme wie ich und meine Ex. Wir diskutierten jahrelang darüber, ob es geschwollene Lippenflügel braucht, um miteinander zu schlafen. Die Nächte vergingen, die Wochenenden auch und das Bett blieb kalt. In all den Jahren habe ich so oft kalt geduscht, dass es irgendwann nicht mehr half.

Was ist, wenn meine Wollust in meinem Eckzahn haust? Dann hätte meine Ex sich nicht zu trennen brauchen. Nur weg hier, wenn der Preis mein Zahn der Lust ist. Irma hält mich gerade noch zurück, als ich aus dem Warteraum in die Freiheit rennen möchte. "Hier geblieben", sagt sie und lacht rau, "beiss` auf den Zahn, den du bald nicht mehr hast."

"Glaubst du, es gibt eine Göttin der Zähne?", frage ich. "Wäre sie bereit, mein Gift in ihre Obhut zu nehmen?" Meine Stimme hört sich mit jedem Wort kindlicher an.

Irma grinst verlegen: "Du verlierst nur einen Zahn, den dir deine Exfreundinnen schon längst gezogen haben. Übrigens kommst du nächste Woche zu uns zum Abendessen. Wir laden noch eine Kollegin dazu ein, die könnte dir gefallen."

Wenn Mama Irma, die ja eigentlich meine Busenfreundin ist, sich in den Kopf setzt, mich zu verkuppeln, gibt sie nicht so schnell auf. Aber an mir, überzeugtem Single, wird sie sich die Zähne ausbeissen. Ich bin ein "swinging Großstadt-Single": aktiv, ungebunden, fröhlich, selbstbewusst, immer auf Achse, in jedem Land Bekannte und für jedes Bedürfnis die richtige Telefonnummer.

Vielleicht ist Irmas Kollegin was fürs Bett? Mein Schoß wacht auf und kribbelt vergnügt. "Aha", denke ich belustigt, "die Lust sitzt also nicht im Eckzahn", und bedanke mich artig für Irmas Einladung.