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Donnerstag, 15. November 2018
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Kolumne #40

Heldin mit Pfeife

Gerade ziehe ich die Laufschuhe an, als meine beste Freundin Sturm läutet.

"Lass mich rein", ruft sie panisch.

"Was ist los?"

Gehetzt schaut Irma nochmal in den Flur und verriegelt dann hektisch die Wohnungstür.

"Mein Chef", japst sie, "dieser Mistkerl. Ich hab' ihn erwischt. Er steckt sich das Geld für die Forschungsaufträge in die eigene Tasche. Wenn er rauskriegt, dass ich das weiß, bin ich tot."

Die Laufschuhe wandern in die Ecke.

"Meld das doch. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat."

Irma schüttelt den Kopf. "Bin ich etwa eine Nestbeschmutzerin? Nachher werde ich noch verurteilt wie Wyler und Zopfi."

Ach ja, die beiden Aufrechten vom Sozialamt. Erst Missstände gemeldet, dann verurteilt vom Zürcher Obergericht wegen Amtsgeheimnisverletzung.

"Nein, Mette. Ich bin mir näher als mein Hemd. Wen interessiert schon, dass der Typ klaut?"

Mir fällt die Kinnlade runter, und zwar bis aufs Knie. So was aus dem Mund meiner Irma? Sie, der kategorische Imperativ gegen alles Üble der Welt, besonders laut bei Demos. Aber als Einzelkämpferin feige?

"Prix Courage, Irma, wäre der nichts für dich? Caroline Kramer hatte auch Angst, als das Bundesamt für Gesundheit unsere Steuergelder gegen die Volksinitiative ,Ja zur Komplementärmedizin' einsetzte. Trotzdem pfiff sie Alarm. Jetzt hat sie den Oscar für Zivilcourage."

Irma wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Ich hab' doch keine Angst", murmelt sie.

"Brauchst du auch nicht. Denk an den Klärschlammskandal."

Sie winkt ab. "Ach das. Der Chef der Zürcher Stadtentwässerung sitzt. Das ging gut aus. Für die Denunzianten. Ausnahmsweise. Aber was ist, wenn mein Lehrstuhl wackelt? Der gehört mir. Für den habe ich mich jahrelang abgerackert. Und nur, weil so ein geldgeiler Gauner ..."

Irmas Stuhl könnte tatsächlich kippen. Allzu viele Whistleblower wurden vor Gericht abgestraft. Ihnen half kein Gesetz. Und die meisten hatten sich selbst verraten. Zu laut gequatscht. Eine E-Mail zuviel auf dem Server. Eine Kopie zufällig liegengelassen. Meine Irma ist sicher vorsichtig. Und nicht nur an der Tür.

"Hast du Rechtsschutz? Die Anwältin könnte die Presse füttern." Zufrieden reibe ich meine Hände. "Oder wie hieß sie noch gleich, diese Journalistin? Wir bauen auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht."

Irma lächelt. Endlich. Sie startet den PC. "Es muss doch eine interne Anlaufstelle auf der Uni-Website geben. Oder ein externes Aufsichtsorgan. Vielleicht noch mit Onlineplattform. Anonymisiert."

Sie holt tief Luft.

"Ich habe doch Angst. Was ich am allernötigsten brauche, ist Coaching. Frau wird nicht als Held geboren, sondern zur Heldin gemacht."

Irma wechselt die Suchmaschine. "Gibt es da denn wirklich nichts?"

Sie starrt auf den Monitor.

Ich lache. "Das ist das kleinste Problem, meine Liebe. Doktor Evil. Gib den mal ein. Und dann auf zum Hauptseminar für Heldinnen."

Irma klickt. "Zimbardo!", ruft sie und es klingt wie Heureka. "Das Zauberwort gegen Feigheit. So kann ich den Korruptionskönig vom Thron stoßen, ohne selbst zu stürzen."

Da bin ich dabei. Erst die Assistentin macht die echte Superheldin. Dürfen wir uns vorstellen? Blower. Whistle Blower. Zu Ihren Diensten.