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Sonntag, 09. Dezember 2018
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Kolumne #38

Lasst Blumen lachen

„Wie siehst du denn aus?“, fragt Irma. Gut, ich hatte eine schlechte Nacht, aber so schlimm kann es doch nicht sein?

„Deine Augenringe zertrümmern dir ja die Kniescheiben!“

Was weiß denn ich. Seit meinem Krankenbesuch bei Esthi will ich lieber nicht in den Spiegel sehen. Dabei hatte ich es doch nur gut gemeint. Ja, ich habe mich geirrt, als ich glaubte – nee, ich will nicht mehr daran denken, sonst versinke ich in Schamesröte. Schon erglühe ich.

„Was hast du angestellt?“, fragt Irma. Ihre Stimme hört sich an, als ob jeder Ton mich umarmen will. Ich presse die Lippen zusammen.

„Schlimmer als Gipfeli in der Plastikfolie zu backen? Oder im Laden den riesigen Toilettenpapierstapel zum Einsturz zu bringen? Sag schon.“

Das sind doch alte Geschichten. Und nichts gegen das, was ich mir diesmal geleistet habe. Dabei hatte ich sogar an Blumen gedacht. Hätte ich sie mal vergessen. Das hat eine davon, wenn sie sich an die Kinderstube erinnert. Nichts als Schämen. Und eine Irma, die nicht locker lässt.

„Hast du etwa heißen Tee über unsere arme Esthi ...?“

„Ach was“, unterbreche ich sie. „Diese olle Kamele musst du nun wirklich nicht mehr bringen. Nicht heute, Irma, ich bitte dich, kein ‚Verstehen Sie Spaß?‘ auf meine Kosten.“

Das Lachen springt ihr ins Gesicht. Ich sehe es genau. Sie erinnert sich an all meine Pleiten, das Pech und die Pannen. Gut, ich bin Trine Tollpatschin in persona. Dabei war es diesmal keine dieser Schusseligkeiten, mit denen ich normalerweise Herzen weich klopfe. Dabei hatte ich nur eine Vase gesucht. Und da stand doch eine. Ich Schaf, ich blödes!

„Im nächsten Leben werde ich sicher als Hundefloh wiedergeboren werden. Ach was, als Schafsfloh!“ Ich verfilze mich in meiner Schuld.

Lachtränchen kullern Irma über die Wangen. Sie ist so gemein! Wenn ich nicht so verlegen wäre, würde ich ihr die Hammelbeine lang ziehen. So wie ich das eigentlich von Esthi verdient gehabt hätte. Aber die grinste nur, als ich ihr die Blumen neben das Bett stellte.

„Liebes Schafflöhchen, lass mich dann bitte dein Hütehund sein. Wuff!“, bellt Irma. „Übrigens, Tiere machen keine Fehler. Das ist Menschen vorbehalten. Wie war es denn nun bei Esther? Hat sie sich gefreut?“

Mir aus dem Hinterhalt die Würmer aus der Nase ziehen? Oh nein, darauf falle ich nicht mehr rein.

„Also gut. Sie sagte: Wenn die Urne mir so gut stehen wird, Mette, wie deinen Blumen, dann ... “, flüstere ich.

Irma prustet los. „Du hast die Blumen doch nicht etwa in Esthis Urne gestellt? Die, die sie sich vorsichtshalber schon einmal besorgt hat, für, du weißt schon?“

Endlich kichere auch ich. Es ist wirklich absurd, Blumen in eine Urne zu stellen. Fast so absurd, wie sich über seinen Fehler zu ärgern, statt mit der Freundin zu lachen. Lachen ist so gesund. Selbst wenn die Urne schon im Haus ist. Und Esthi hat immer schon gerne gelacht. Aber mir war es ja wichtiger, mich zu schämen. Ich bin wirklich ein Schaf. Gleich morgen besuche ich sie wieder. Es passen noch viel mehr Blumen in die Urne.