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Sonntag, 09. Dezember 2018
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Kolumne #36

Liebes Glühen

"Ich will!" Und wieder rufe ich, noch lauter als in meinen Gedanken: "Ja, ich will!" Hastig zerrt mich meine beste Freundin Irma aus der Sankt-Rita-Kapelle. "Hast du noch alle Tassen im Schrank?", fragt sie. "Heiraten?" Sie tippt mir an die Stirn. "Nach einem halben Jahr?"

"Heiraten?" Heftig schüttele ich den Kopf. "Wiederhaben will ich sie!" Hinter uns fällt die Holztür schwer ins Schloss.

"Wie bitte? Wiederhaben? Wart ihr nicht gerade erst mit uns tanzen?"

Ja, waren wir, sie und ich. Und danach war es aus gewesen. Sie habe sich in die Türsteherin verliebt, sagte sie. In diese blonde, blauäugige Bluejeansbutch. Die war mir auch aufgefallen. So eine, die Frauen häufiger wechselt als ihren Büstenhalter. Wenn sie einen tragen würde. Aber wo nichts ist, kann auch nichts halten.

"Wie konnte sie nur!", schnaube ich. "Sie hat einfach Liebesangst!" Mein Herz schlägt Purzelbäume. "Der Sex wurde ihr zu fantastisch. Es war eben Liebe auf das erste Zwinkern."

Irma nimmt mich in den Arm. "Love sick!, poor Mette", tröstet sie.

Krank? Liebeskrank? Ich? Die paar wenigen Gedichte an ihrer Windschutzscheibe jeden Tag. Die sollen doch nur ihr Herz weichklopfen. Wie die Briefe, besprüht mit dem Parfüm, das mein Herzchen so an mir vergötterte. Oder die Rosen, die prächtigsten der ganzen Stadt. Sie wird schon noch begreifen, wie sehr sie mich vermisst. Mich braucht. Mich liebt. Und will.

"Sie ist so scharfsinnig, so einfühlsam, einfach makellos."

"Ja, ja. Sie ist die Frau unter den Frauen.", unterbricht Irma mein Schwärmen. Versonnen schaut sie in die Ferne.

"Nur kein Neid. Du hast einfach noch nie so geliebt, dass die Luft glühte!"

Irma schließt die Augen. "Deine Liebe für mich hat sich verwandelt, sagtest du damals", murmelt sie. "Du zogst die Tür hinter dir zu. Wie gelähmt saß ich vor dem kalten Herd - und hatte nur noch deinen Duft um mich."

Ich erinnere mich nur allzu gut an diese Zeit. Irma glitt in einen Liebeswahn. Es schneite Zitate auf rosa Zettelchen, SMS prasselten und das Telefon läutete endlose Anrufe ein. Meine Nerven! Wo ich auch war, Irma tauchte auf. Völlig verheult natürlich. Und gleichzeitig fanatisch entflammt. Terror pur!

Wie erleichtert war ich, als sie dann endlich doch wieder zunahm, zur Friseurin ging und zur Maniküre, ihr Konzertabo erneuerte, den Tangowettbewerb gewann.

"Verzeih mir, Irma, verzeih. Ich Oberegoistin."

Irma schmunzelt und ich lache, bis mir die Tränen über die Wangen kullern. Meine Busenfreundin hat es wieder einmal geschafft. Für einen Augenblick rückt meine Liebestollheit in den Hintergrund. Die Frau meiner Träume wird unwichtig und ich halte den Liebesschmerz aus. Wer nicht zurückgeliebt wird, hat das Recht, sich in Selbstmitleid zu suhlen. Zettel zu schreiben. Rosen zu schicken. Für eine gewisse Zeit.

Und wer weiß, vielleicht, irgendwann? Vielleicht verliebt sie sich wieder in mich. Und, vielleicht, antworte ich dann: "Ich will dich wieder." Derweil halte ich Ausschau. Nach einer, die mich will. Die ich will. Eine, die mir nicht den Vogel zeigt, wenn ich sage: "Ich will uns."