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Donnerstag, 20. September 2018
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Kolumne #25

Luises Erbe

Auf dem Rasen am Park packe ich den Rucksack aus. Irma kommt gleich. Sie ist in Eile. Ihr Kurs "Feministische Sprache für Fortgeschrittinnen" gönnt sich keine Zeit für die leibliche Wohlin. Zu viel Neues nach Luise F. Pusch, die der Beginn der "Binnen-i-s" war und die vermännlichte Formulierungen splittete, bis sie schließlich Verkäuferinnen und Verkäufer auf Kundinnen und Kunden in den Lädinnen und Läden warten ließ. Lang, lang ist es her.

"Hallo, meine Mette! Schön, du hast die Rucksäckin schon ausgepackt." Irma hat den "Salzstreuerinnen"-Jargon eindeutig verinnerlicht. Auch mich ärgert die Frauenfeindlichkeit in der deutschen Sprache. Immer noch und immer wieder will man mich als mitgemeint gelten lassen.

"Sogar an die Salzdose hast du gedacht", lobt Irma. "Gurke, Salami, Joghurtcreme, Oliven, Semmeln und Laugenstangen. Siehst du, Mette, es ist gar nicht so schwer, sich feministisch zu ernähren."

So ein Käse, denke ich. Ich esse auch Emmentaler. Hüstel, Emmentalerin natürlich. Im Grunde ist mir egal, welcher Artikel ihn begleitet. Ihn? Ach ja, DEN Käse. Ich bin völlig aus der Übung.

"Hast du noch eine Serviette?" Irma tupft an ihrer Bluse herum. "Dieses blöde Joghurt. Nein, die Joghurt. Langsam sollte ich mir das wirklich merken. Der wie vielte Sprachkurs ist das jetzt? Halt, anders. Wie oft habe ich schon Sprachstunden genommen?"

Ich verstecke mein Grinsen hinter einer Wurstsemmelin. Immerhin muss also auch Irma aufpassen, wenn sie von Alpha bis Zeta feministisch reden will. Und ich? Ich komme mir albern vor, wenn ich nach einer Compute frage in der Computefachgeschäftin. Schon werde ich schräg angesehen, als hätte ich einen Sockenschuss. Wie aus der Pistole geschossen weiche ich dann aus. Der Computer, der Rechner, was denn sonst. Anstatt dass ich auf meiner Compute bestehe und mir ein anderes Geschäft suche, eines, wo die Verkäuferin oder der Verkäufer genau diese zu verkaufen bereit ist.

"Dabei brauchen wir eigentlich kein neues Deutsch, Mette. Unsere Sprache bietet alle Möglichkeiten. Wenn wir sie bewusst einsetzen. Statt ‚jeder‘ kann ich ‚alle‘ sagen. Und dieses blöde ‚man‘ ist sowieso ein Verlegenheitswort für alle, die sich nicht trauen, 'ich' und 'wir' zu sagen."

Ich weiß noch, wie Irma mir einmal erzählte, dass sie die Bezeichnung Personal Computer nicht akzeptiere. Mir war das egal, mein elektronischer Größenwahnsinn hieß sowieso "mannomann, Konrad", denn er verlor schnell seinen Saft und zerschoss meine Dateien. Nach drei Jahren hatte ich genug. Meine Zuse hält immerhin schon sechs. Und wie ich diese Kiste liebe, mit ihrer treuen Seele!

"Du sagst ja gar nichts", bemerkt Irma. "Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?"

Ich schlucke. Wie bringe ich meiner Busenfreundin nur bei, dass der sprachliche Gruppendruck wie eine Lok unter Volldampf pfeifen muss? Sonst bleibe ich kaum bei der Stangin. Allein werde ich zu schnell schwach. Spätestens dann, wenn ich mir Rechenmaschinen anschaue und der Verkäufer aufgescheucht naht, weil er um seine Hightech-Computer fürchtet.