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Sonntag, 09. Dezember 2018
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Kolumne #24

Irma und das Haus

"Ich will ein Einfrauhaus!" Irma schleift mich durch die Straßen der Stadt. Die Maklerin treibt zur Eile. Warum immer ich? Wer will schon ein Haus? Mit Nachbarn, die eine vor Gericht zerren wegen des Maschendrahtzauns. Dann schon lieber solche, mit denen frau über Waschküchenpläne und Staubflocken im Flusensieb streiten kann. Da kommt Freude auf! Aber Irma achtet gar nicht auf eventuelle Nachbarn. Sie späht und sucht nach genau dem einen Haus, das sie mit ihrem Erbe bezahlen will.

"Irma! Meine Füße!" Seit Stunden besichtigen wir nun schon. Von Keller zu Keller ziehen wir, sehen Dachböden, Wohnzimmer mit und ohne Kamin, vollautomatische Kochtempel und solche, die den Namen Küche nicht verdienen, Bäder mit Whirlpool und Spielzimmer ohne Betten. "Irma, ich kann nicht mehr. Noch ein Haus und ich marschiere freiwillig ins Gefängnis. Ohne über Los zu gehen", quengele ich. Die Maklerin lächelt gelangweilt. "Ich glaube, du brauchst weniger ein Dach über dem Kopf, sondern ein Zuhause." Meine Irma sieht blass aus in ihrem schwarzen Mantel. "Seit du deine Eltern beerdigt hast, ist dein Herz nämlich obdachlos."

Die Maklerin wirft ihre langen roten Locken in den Nacken. Seufzend zückt sie ihren Terminkalender. "Wie wäre es mit Donnerstag?" Unmöglich, denke ich. "Ausgeschlossen", sagt Irma, aber Freitag, das ginge." Recht hat sie. Freitag ist mein freier Tag.

"Warum hält kein Haus, was es verspricht!", seufzt Irma, die es sich mit mir auf der Parkbank gemütlich gemacht hat. "Warum will kein einziges mir Obdach gewähren? Und mich beschützen!" Meiner besten Freundin stehen Tränen in den Augen. Ich mache mir ernstlich Sorgen. Ein Nervenzusammenbruch wegen der Suche nach dem perfekten Haus? Das finde ich übertrieben. Grundsätzlich braucht frau nicht mehr als ein Dach über dem Kopf. Und eine Kaffeemaschine.

"So, meine Liebe", sage ich und angele in meinem Rucksack nach dem Block. "Jetzt lass mal hören, wie dein Traumhaus aussieht. Sonst wird das nie was."

Irma schwärmt von roten Dachziegeln, von schwarzen Balken, weißgetünchten Mauern und grünen Türen. Ein Fachwerkhaus mit Blumenkästen vor den Fenstern entsteht auf dem Papier.

"Liebste Irma, diese Zeichnung erinnert mich an … Genau das hast du doch verkauft? So sah euer Haus aus. In dem du aufgewachsen bist. Oder vertue ich mich?"

Irma reißt mir das Blatt aus der Hand. Die Tränen rollen ihr über die Wangen. Ein Regenguss ist nichts dagegen. Stammelnd sagt sie: "Kann das wirklich sein?"

Ich gebe ihr ein Taschentuch. "Irma, du vermisst deine Eltern sehr, oder? Du sehnst dich nach der Geborgenheit von früher. War ja auch schön, so als Kind. Warum hast du das Haus eigentlich verkauft?"

"Ach, der alte Schuppen", nörgelt Irma, "Velourssofa und Wohnwand. Das bin ich einfach nicht. Und Hausschuhe. Das wollte ich nie sein." Sie stutzt. "Jetzt hätte ich doch beinahe genau so ein Haus gekauft. Klassischer Fall von angewandter Architekturpsychologie: Aus dem Elternhaus zieht frau niemals aus. Jedenfalls nicht mit dem Herzen." Sie nimmt ihr Handy. "Hallo, Frau Grevenich? Zeigen Sie uns beim nächsten Mal nur Eigentumswohnungen, bitte."