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Donnerstag, 15. November 2018
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Kolumne #21

Linie 70

Öl, Gel und Creme fliegen in den Mülleimer. Im hohen Bogen. Die Anti-Aging-Lotion meiner Mutter scheppert gewaltig. "Was machst du da?", fragt Irma. Meine beste Freundin steckt mal wieder ihre Nase in meine Angelegenheiten. Auch wenn diese im Müll liegen. "Die Dose ist doch noch halbvoll", kritisiert sie. "Ist bei dir Verschwendung angesagt?"

"Tante Anna-Sophia hat auf dem 70-sten meines Mütterleins genäselt, Doppelpunkt, Anführungszeichen unten, Du bist ja so ein herrliches Faksimile meiner teuren Schwester, Ausrufezeichen, Anführungszeichen oben. Sei ehrlich, liebe Irma, sehe ich aus wie eine alte Schachtel?"

Irma fischt die Produkte für das alterslose Altern aus dem Eimer. "Bei allem Respekt, teuerste Mette, bisweilen siehst du wirklich so alt aus, wie du dich fühlst. Denk mal an letzte Woche."

Nein. Niemals werde ich mich wieder daran erinnern, wie mich die Creme gegen Augenringe im Stich ließ. Erst lange nach Mitternacht hatte ich ins Bett gefunden. Am Morgen danach sah ich meinem Mütterlein tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Und das bis zum Nachmittagstee.

Auch wenn ich zugleich ich selbst und die Tochter meiner Mutter bin, muss ich nicht die gleiche Pflegelinie benutzen. Es gibt ja so viel Neues auf dem Markt. Radikale, die das Alter bekämpfen. Intensivpflege für die anspruchsvolle Haut. Hätte ich früher angefangen mit dem An-mich-Denken und den Ich-bin-es-mir-wert-Sätzen, wäre ich nie mit meiner Mutter verwechselt worden. Immerhin ist meine Mama 70!

"Du nimmst deine Tante Anna-Sophia doch nicht wörtlich?" Irma öffnet eine Feuchtigkeitsampulle. "Sie hat deinen Charakter gemeint! Nicht dein Aussehen. Mette, das ist doch wohl klar! Im Übrigen, deine Mutter ist eine fesche Frau."

Fesch? Mein Mütterlein? Naja. Wenn frau die Arthrose, den Bluthochdruck und den unübertrefflichen Cholesterinspiegel vergisst.

"Sag' mal, hast du deiner Mutter immer noch nicht verziehen?"

"Ihr vergeben, Irma? Wie denn? Sie hat mich doch immer anders gesehen als ich mich selbst sehe. Und das soll ich verzeihen?" Behalten habe ich davon nur die wunden Punkte. Und sie ihr so oft unter die Nase gerieben, dass sie nicht mehr zu verdrängen sind. Manchmal muss frau sich eben effizient ihrer Haut wehren.

Niemals bin ich wie sie. Niemals habe ich einen anderen Menschen verletzt. Nie so wie sie mich. Außer vielleicht, wie soll ich sagen, nun ja, ihr, meiner Mutter, habe ich schon ein paar tiefe Wunden geschlagen. So im Laufe einer Grundsatzdiskussion kann das ja mal passieren. Manchmal bin ich eben so dünnhäutig. Dann verwandeln sich meine Gedanken in Worte, die nicht einmal gedacht werden sollten.

"Duhuuu, Irma? Ich kann nicht wie meine Mutter sein. Zu hart habe ich daran gearbeitet, anders zu werden. Das kann doch nicht alles umsonst gewesen sein!" Irma zuckt die Achseln. "Eine Mutter ist wie ein schlechter Ruf. Auch der bleibt immer an dir haften. Gleichgültig, mit was du dich wäschst." Entsetzt starre ich auf den Mülleimer. Er kommt im hohen Bogen angeflogen. "Fang!", ruft Irma.