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Sonntag, 09. Dezember 2018
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Kolumne #12

Exe, die Hexe

"Wenn ich meiner Ex meine kalten Hände um den Hals lege und zudrücke, komme ich dann straffrei davon?", frage ich meine beste Freundin Irma. Sie dreht sich zum Computer und fährt ihn hoch.

"Anders gefragt: Wenn meine Exe, die Hexe, mich zu Tode ärgert, bekommt sie wenigstens lebenslänglich?"

"Mhm", meint Irma und setzt die Brille auf. "Seid ihr nicht über ein Jahr endgültig getrennt?"

Im Stillen rechne ich nach und komme zu dem Ergebnis: Das Schonjahr ist vorbei. Zwar erst einen Monat. Aber das Jahr nach der Trennung, in dem man noch trauert und schon mal zum Mittel der Bitterkeit greift, das ist unwiderruflich um.

"Worunter soll ich gleich im Internet suchen?", fragt Irma und setzt Wasser auf. Aus dem Küchenschrank wählt sie den Beruhigungstee.

Ich will mich aber nicht beruhigen. Was ich will, ist an einer Hand abzuzählen: Meine Ex soll ab sofort aufhören mir Vorwürfe zu machen, sie soll nett zu mir sein und mich nicht mehr auf die Palme jagen. Das ist ja wohl nicht zu viel verlangt.

"Warum geht ihr euch nicht aus dem Weg?", fragt Irma. "Nach einer never ending story versteht man sich per se falsch. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche."

Was für eine blödsinnige Frage! Im Geheimen freue ich mich ja immer sie zu sehen. Aber das würde ich niemals zugeben. Nie!

"Wir haben doch einen gemeinsamen Vogel. Ich bin Co-Mutter ihres Piepmatzes. Morgen hole ich ihn zum Wochenende ab. Und ich weiß jetzt schon: Die Exe und ich, wir werden uns zwischen Tür und Angel anpfeifen. Wie immer. Was ich der Frau alles nicht antue, überrascht mich selber am meisten."

Das Wasser kocht über und ich stehe auf, um es in die Teekanne zu gießen. "Jetzt hat sie mich sogar noch auf die Blacklist ihres Providers gesetzt. Dabei hatte ich ihr nur ein nettes E-Mail zum Valentinstag geschrieben. Das hat sie natürlich gründlich missverstanden."

Dass meine Ex mich seit Monaten nicht mehr über E-Mail erreichen kann, verschweige ich Irma. Auch die beste Freundin muss nicht alles wissen. Sie soll meine Exe gefälligst für eine dämliche Dechse und mich für ein Unschuldslamm halten.

"Kannst du sie nicht allein über dich ärgern lassen?", fragt Irma und holt die Tassen aus dem Schrank.

"Ich tu doch nichts", behaupte ich und fürchte, wenn meine Exfreundin mir ihr liebenswürdiges Gesicht zeigt, das, in das ich mich damals verliebt habe, dann wird mein Herz nie mehr frei sein. Aber noch schlimmer wäre es, wenn ich erkennen müsste, dass sie meiner Liebe gar nicht würdig gewesen ist.

"Ich rufe deine Ex an!", sagt Irma. "Wo hast du ihre Telefonnummer?" Sie telefoniert und ich höre, wie sie einen Termin abmacht, um den Vogel für mich zu holen. Irma legt auf. "Uff", sagt sie und wischt sich die Stirn. "Deine Exliebste ist in Fahrt.

Wenn sie nur deinen Namen hört, wetzt sie die Stimme und wird scharf wie ein bissiger Hund."

"Siehst du! Ich habe es doch gesagt: Sie hat einen Vogel!"

Irma lacht. "Lesben lieben und trennen sich. Eine Zeitlang gehen sie sich aus dem Weg und sind felsig aufeinander. Mit der Zeit bauen sie aber eine Brücke aus den Steinen, die sie sich gegenseitig in den Garten geworfen haben."

"Eine Brücke? Niemals! Wenn schon eine Mauer!", rege ich mich künstlich auf. Wobei ich genau weiß: Unser Ärger auf einander ist nichts anderes als ein gefährlicher Luxus, den wir uns füreinander erlauben. Noch.