Freitag, 20. April 2018
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Sandra Wöhes Kolumne

Spannende und amüsante kleine Kurzgeschichten von Mette und Irma der Schweizer Autorin von "Die indonesischen Schwestern", "Lass mich deine Pizza sein" und "Giraffe im Nadelöhr". Etwa alle 6 Wochen hat uns Sandra in den letzten Jahren mit Ihren Kurzgeschichten beglückt. Herausgekommen sind insgesamt 43 Kolumnen. Wer weiterhin Interesse hat findet bei Wikipedia Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sandra_W%C3%B6he.

gay-web bedankt sich für die tolle Zusammenarbeit mit Sandra, die uns zu einer wahren Freundin geworden ist. Wir haben die Anekdoten von Irma und Mette genossen.

Hier nun die neueste aber auch letzte Kurzgeschichte aus dem Mai 2013:

Kolumne #43

Gib es her!

„Papierhöhle? Schnipselberg? Theaterschnee?“ Irma kommt ins Wohnzimmer. „Etwa eine Konfettiparty? Nicht einmal drei Tage kann ich dich allein lassen.“ Meine beste Freundin bahnt sich einen Weg zum Sofa, quer durch die Papierfetzen.
Ich zerreiße ein weiteres Schulheft. Einmal längs, einmal quer und dann in immer kleinere Stückchen. „Ich bin es satt, Irma. So satt. Ich gebe und gebe und gebe und gebe. Aber warum soll ich mir aufschreiben, wem ich wann was verleihe? Es kommt ja doch nichts zurück.“

Irma pfeffert ihre Jacke auf mein gestern gereinigtes Sofa.
Ich verschränke die Arme. „Weißt du, was eine Garderobe ist?“ Schluss mit der Gutmenscherei. Ich habe keine Geduld mehr für Respektlosigkeit. Aus mit den Frechheiten. Mir langt’s. „Häng sie auf!“
Irma legt sich den Anorak über die Knie. „Wer seinem Maultier kein Futter gönnt, geht bald zu Fuß, wissen die Chinesen. Also sag schon. Welcher Esel hat dich getreten?“
Ich winke mit ihrem Bücherzettel. „Wann bekomme ich die zurück?“
Irma zählt auf. „Die indonesischen Schwestern?“, sagt sie. „Die liest gerade Annemarie. Giraffe im Nadelöhr begeistert meine Nachbarin schon zum zweiten Mal. Lass mich deine Pizza sein, wem habe ich das denn ausgeliehen? Ach ja, Tante Gertrud.“

Ich glaube, ich höre nicht recht. „Du verleihst meine Bücher weiter? Meine?“
Irma winkt ab. „Liebe Mette, es ist besser, zu geben als zu leihen. Und es kostet ungefähr gleich viel.“
Jetzt kommt sie mir noch mit was weiß ich wem, dabei ist es mir so was von egal, wen sie mal wieder zitiert. Ich will, ja, ich. Meine Bücher, die will ich zurück. Bin ich denn eine Bücher-Eintreiberin? Amtlich bestellt, staatlich, eidgenössisch geprüft und vereidigt, so wahr mir die Göttin helfe.

„Hier!“ Ich hole meinen Kabinentrolley. „Erstens. Du gehst nach Hause. Zweitens, du packst alles in den Koffer. Auch die T-Shirts, die ich dir geliehen habe, den Regenschirm, ach was, alle Regenschirme! Noch heute gibst du es mir zurück. Und alles, was ich gerade vergessen habe, natürlich auch, liebe Irma. Verstanden?“
Sie nickt. „Deinen Trolley?“ Irma streichelt über den Ledergriff. „Ich wollte ihn immer schon haben. Leihen, meine ich. Und jetzt hast du ihn mir freiwillig geschenkt. Also gegeben. Äh, geborgt. Na ja, eher geliehen. Genau. Geliehen, das wollte ich sagen.“ Irma strahlt den Koffer verliebt an.
Ach, soll sie ihn haben, er macht ihr doch so Freude. Da ich ja sowieso meine Borgschuldlisten zerrissen habe und verbrennen werde und die Asche vergraben, damit wenigstens ein Blümchen daraus entsteht, fange ich keine neuen mehr an. Wer keine Listen hat, braucht sich auch nicht die Ausborgstrolchinnen zu merken. Was für eine Erleichterung!

Irma lächelt. „Übrigens“, sagt sie, „der Koffer von dem letzten dreiwöchigen Italienurlaub, den bräuchte ich aber trotzdem nächste Woche. Ja, meinen Koffer. Der Schal hat Zeit bis Winter. Nur den Bikini, den pack bitte gleich ein. Den mit den Herzchen. Den anderen darfst du gerne noch ein bisschen haben.“
Upsi. Liebe Göttin, erinnere sie bloß nicht an das Fahrrad. Dann leih ich dir eine Kerze. Und die brauchst du mir nicht einmal zurückzugeben. Versprochen.