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Sonntag, 09. Dezember 2018
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Geschichte der gleichgeschlechtlichen Liebe

Gleichgeschlechtliche Liebe in Ordnung, Sex verboten

In der Antike gehörte Homosexualität zum Alltag, im Mittelalter wurden Schwule verbrannt. Die Geschichte zeigt: Es war selten ungefährlich, dasselbe Geschlecht zu lieben (von Marc von Lüpke -Zeit online).

Das Satiremagazin Der Wahre Jacob mochte es in seinen Karikaturen auch mal abschätzig. In einer Zeichnung aus dem November 1907 warten stramm stehende Soldaten auf ihre Inspektion. Doch ihr Vorgesetzter will den Appell abnehmen, während die Soldaten ihm ihre Hintern zuwenden. "Seit wann kommandiert man denn bei Besichtigungen: Das Ganze kehrt!?", fragt ein Offizier nach. Die Antwort: "… Abteilung wird heute vom Grafen Hohenau besichtigt." Verächtlicher ließ sich die Ablehnung gegenüber Schwulen kaum zeigen.

Die diskriminierende Karikatur beschreibt die Harden-Eulenburg-Affäre. Wilhelm von Hohenau gehörte damals zum Kreis der Vertrauten Kaiser Wilhelms II. Hohenau wurde Homosexualität vorgeworfen. Zwar gewann er ein Kriegsgerichtsverfahren, das Militär aber entließ ihn dennoch. Hohenau galt fortan als entehrt.

Der Begriff Homosexualität selbst war zu dieser Zeit erst wenige Jahre alt. "Das Konzept der Homosexualität und überhaupt der sexuellen Orientierung entstand erst im späten 19. Jahrhundert", sagt Klaus van Eickels, der an der Universität Bamberg Mittelalterliche Geschichte lehrt. 1869 verwendete der ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny als erstes den Begriff. Allerdings nicht, um gleichgeschlechtlich Liebende zu denunzieren oder herabzuwürdigen. Ganz im Gegenteil: Er schrieb an das preußische Justizministerium und plädierte für die Abschaffung der Strafbarkeit vorgeblich "widernatürlicher Handlungen" – also des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern. Hierfür erfand Kertbeny den Ausdruck homosexual. Der im Mittelalter verwendete und abwertende Begriff Sodomit wurde damit abgelöst vom Homosexuellen. Ein neues Wort, doch die alten, im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Vorurteile blieben. 

Ein biblisches Verbot

In der griechischen Antike gehörten Männer, die mit Männern Sex hatten, zum Alltag. Ältere Männer "erwählten" sich Jüngere oder gar Knaben. Rechtlose Sklaven dienten ihren Herren oft als bloße Objekte ihrer sexuellen Begierde. Eine Unterscheidung nach heterosexuellen und homosexuellen Veranlagungen kannten weder Griechen noch Römer. Allerdings zeichneten sich gleichgeschlechtliche Beziehungen meist durch ein Machtgefälle aus: Der "stärkere" – oftmals ältere – Mann war derjenige, der in den Partner "eindringen" durfte. Der "empfangende" Partner galt als schwächer und unterlegen. Aus diesem Grund waren Beziehungen zwischen sozial Gleichrangigen selten und in der Regel verpönt.

Im alten Griechenland hat auch die gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen eine Verankerung. Ihren Namen verdankt sie etwa der Insel Lesbos, auf der die antike Dichterin Sappho lebte. Über Lesben in dieser Zeit ist wenig bekannt, obwohl es sie zweifelsohne gab. Künstler und Dichter widmeten sich vor allem der Verherrlichung des männlichen Aktes.  

Im Alten Testament wurden insbesondere Beziehungen zwischen Männern als gottestlästerlich verurteilt: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau, es ist ein Gräuel". Männer konnten im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit auf dem Scheiterhaufen landen; Sex mit einem anderen Mann würde gegen die "Gesetze der Natur" verstoßen, hieß es. Auch homosexuelle Frauen mussten sich in einigen Fällen in Sodomie-Prozessen verteidigen. Sie wurden aber weniger stark verfolgt. Vielleicht auch, weil bereits frühe Hersteller von pornografischen Schriften aus dem 17. Jahrhundert von lesbischem Sex "fasziniert" waren und entsprechende Zeichnungen druckten.

Solange schwule und lesbische Beziehungen platonisch blieben, waren sie akzeptiert, besonders auch unter Männern. "Mann-männliche Freundschaften waren sehr wichtig", sagt Klaus van Eickels, "aber das hatte nichts mit sexueller Anziehungskraft zu tun, sondern schuf die Möglichkeit enger emotionaler Bindungen und Beziehungen zwischen Männern." Männer verliehen ihren Gefühlen für andere Männer freien Ausdruck, man umarmte sich, selbst gemeinsam in einem Bett zu schlafen, war nicht verpönt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein schrieben sich Männer auch offiziell gegenseitig Liebesbriefe. "Genau das, womit heute viele die größten Probleme haben, nämlich die öffentliche Aussage 'Ich liebe diesen Mann', war früher selbstverständlich", sagt Klaus van Eickels. Nur eines war strikt untersagt: Sex.

Mediziner verurteilten Homosexualität als Krankheit

Geschlechtsverkehr endete im 19. und 20. Jahrhundert für viele homosexuelle Männer im Gefängnis. Als "widernatürliche Unzucht" definierte das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 den sexuellen Akt zwischen Männern. Was dazu führte, das Richter in Strafprozessen zu entscheiden hatten, wie tief der Penis eines Mannes in den Anus eines anderen eindringen dürfe; wann also eine "beischlafähnliche" – und damit strafbare – Handlung vorläge. Während die Juristen auf diese Weise erlaubte und verbotene Handlungen abgrenzten, versuchten Mediziner und Psychiater die Ursachen der männlichen Homosexualität zu erforschen. Der einflussreiche Psychiater Richard von Krafft-Ebing attestierte Männern, die Männer liebten und mit ihnen Sex hatten, in seinem Buch mit dem unheilvollen Titel Psychopathia Sexualis eine angeblich erbliche neuropsychopathische Störung. 

Die Ursache der weiblichen Homosexualität interessierte Mediziner deutlich weniger. Der britische Forscher Havelock Ellis hielt viele Lesben gar für "pseudohomosexuell". Sie hätten einfach keinen Mann "ergattert". Ohne einen männlichen Penis könnten Frauen ohnehin keine sexuelle Befriedigung erfahren. Entsprechend wurde weibliche Homosexualität nicht unter Strafe gestellt, wenngleich Lesben im Alltag wie auch von Behörden diskriminiert wurden.

Heute können Forscher die Ursachen für unser Verlangen belegen, statt krude Theorien aufzustellen. Die menschliche Sexualität ist wohl angeboren. Egal, wie wir lieben, ob schwul, lesbisch, bi-, trans- oder heterosexuell: Alles ist normal. Niemand hat wirklich eine Wahl, welches Geschlecht er oder sie begehrt.

Im Dritten Reich verschärften sich Strafen

Anfang des 20. Jahrhunderts radikalisierte sich indes die strafrechtliche Verfolgung der Homosexuellen. Im Nationalsozialismus wurde der berüchtigte "Homosexuellen"-Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verschärft. "Mit der Änderung 1935 entfiel der Begriff 'widernatürlich' bei der Unzucht unter Männern und das machte den Interpretationsspielraum für Juristen größer", erklärt der Historiker Andreas Pretzel von der Berliner Humboldt-Universität. Bereits vorgeblich anzügliche Blicke konnten nun zu einer Verurteilung führen. Die Höchststrafe wurde auf fünf Jahre erhöht. Auch verfolgten die Nationalsozialisten in einigen Fällen homosexuelle Frauen. Wer sich als Lesbe oder aus anderen Gründen nicht in die Rolle der "guten" Ehefrau und Mutter zwängen ließ, lebte gefährlich.

Das Ende des "Dritten Reiches" brachte für Homosexuelle kein Ende der Verfolgung. Der Paragraf 175 blieb in der Bundesrepublik im Strafgesetz stehen. "Es war das NS-Recht, das weiter angewandt wurde, aber es hatte eine völlig neue Begründung", sagt Andreas Pretzel. Die Gesellschaft sollte sich sittlich erneuern, im vermeintlich christlichen Sinne – vor allem Schwulsein betrachtete der Gesetzgeber weiterhin als unmoralisch.

Erst 1994 strich der Deutsche Bundestag den Paragraf 175 aus dem Strafgesetzbuch. Die Gleichstellung mit Heterosexuellen ist aber bis heute nicht erreicht. In Deutschland geht es um gesellschaftliche Anerkennung: die Rechte zu heiraten und Kinder zu adoptieren stehen noch aus. Und so manche Vorurteile halten sich hartnäckig – nicht nur im Fußball.

17.01.2014