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Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Kampf gegen Homophobie

Ich habe das Angebot

vom Herrn Professor bekommen, das Thema, worüber wir per E-Mail diskutiert haben, hier anzusprechen. Dafür bedanke ich mich herzlich bei Ihnen.

Hier wurde behauptet, man kann niemals zwischen Religion und Gewalt einen Zusammenhang herstellen. Das finde ich unhaltbar.

Ich war selbst ein überzeugter Christ. Mich hat dieser Glaube sogar spirituell erfüllt und oft glücklich gemacht. Ich habe nichts gegen religiöse Menschen. Auch manche Menschen, die ich über alles liebe sind religiös.

In mehreren Aspekten treten Religion und Gewalt in Verbindung. Hier möchte ich nur auf einen Aspekt eingehen, nicht nur weil mich das persönlich betrifft, sondern auch weil ich glaube, dass dies oft nicht ernst genug genommen wird und leider viel zu wenig darüber berichtet wird. Das ist meines Erachtens entsetzlich, weil zum großen Teil wegen der Religion das Leben von Hunderten von Millionen von Menschen stark beeinträchtigt wird. Deshalb finde ich es ethisch nicht vertretbar, von den tatsächlich bestehenden Gefahren wegzuschauen. Jeder, der für die Vermittlung religiösen Wissens zuständig ist, sollte darüber informiert sein und darüber sprechen.

Ich vergleiche die Religion mit einer Kindergärtnerin, die Kindern Blumen und Messer zum Spielen gibt. Die Liebe eines allmächtigen Gottes und ein ewiges Leben im Paradies sind Blumen, die uns tatsächlich helfen können. Zum Beispiel werden aber auch Texte jede Sekunde gesegnet, die unter anderem den Mord an vielen Millionen von Menschen fördern und andere, die eindeutig die Interpretation begünstigen können, dass diese bestraft werden sollen (Thora/Bibel: 3 Mose 20:13 Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Greuel verübt Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen). Das hat schon von Anfang an zu einer Vernichtung geführt
(http://www.youtube.com/watch?v=Uk6z0Y21hfc)
und diese geht heute noch weiter, vor allem in Afrika, wo sich die Lage sogar laufend verschlimmert
(http://www.youtube.com/watch?v=AVp8V1npqyk&feature=related).

Die katholische, die orthodoxe und viele andere christliche Kirchen, sowie viele moslemische und jüdische Institutionen behaupten, die Homosexualität sei eine Anomalie oder sogar eine Abscheulichkeit. Sie stützen sich dabei auf ihre Referenzwerke. Sie behaupten außerdem, man könnte sich seine sexuelle Orientierung aussuchen. Können Sie sich erinnern, als Sie sich für Ihre sexuelle Orientierung entschieden haben? Hätte ich mich entscheiden können, wäre ich bestimmt bisexuell. Dann hätte ich ja viel mehr Chancen.

Manche sind dabei extremistischer als andere. Dabei zeigen aber die meisten, so viel Kenntnis über die menschliche Sexualität zu haben, wie sie vor ein paar Jahrhunderten über Astronomie hatten, was auch schlimme Konsequenzen für viele Menschen hatte. Sie fördern außerdem oft ausdrücklich die Diskriminierung, also die Vorbereitung für die Gewalt gegen die so dummerweise genannten „sexuellen“ Minderheiten. Das hat zum Beispiel der Papst selbst gemacht. Wir sollten laut ihm u.a. nicht als LehrerInnen arbeiten dürfen.

Die Homosexualität, die Transsexualität, die Bisexualität, die Bildung sogar extrem treuer homosexueller Paare und die Adoption von Kindern seitens solcher Paare kommen auch bei anderen Tieren vor. Die Homosexualität ist bei 500 Spezies ausführlich dokumentiert und wurde insgesamt bei 1500 registriert. Die Homophobie nur bei einer. Die Homosexualität hat mehrere biologische Funktionen. Wäre es nicht so, wäre sie schon längst aus der genetischen Code unserer und Tausender anderer Spezies verschwunden.

Die Basis für die menschliche Sexualität ist vereinfacht gesagt von der Natur gegeben. Drauf bauen wir anhand sprachlicher Begriffe soziale Konstrukte auf. Kulturen sind im Laufe der Geschichte sehr verschieden damit umgegangen. In China, in Japan, in Indien, auf den Philippinen, in alten hochentwickelten Zivilisationen Amerikas wurden früher weder die Homo- noch die Transsexualität verurteilt. Genau im Gegenteil. Heute werden sie in autochthonen Kulturen Afrikas, Amerikas, Asiens und Ozeaniens für eine ganz natürliche Komponente gehalten. Oft übernehmen Homosexuelle nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung führende religiöse Funktionen und Transgenders werden sogar heiliggesprochen.

Die Verbreitung und Durchsetzung der abrahamitischen Religionen und der von ihnen stark geprägten westlichen Kultur hat dazu geführt, dass die ganze Welt die hiesigen Vorurteile übernommen hat und zwischen 3 und 15% der Menschen stark stigmatisiert werden und oft unter perversen Umständen leben müssen. Auch ihre Familien leiden oft sehr darunter (ca. jede 5. ist davon betroffen). In China wurde die Homosexualität erst 2001 von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. Heute wird sie dort immer noch in manchen Regionen mit Elektroschock behandelt. Andere Fakten aus Ozeanien, aus Amerika (und damit meine ich natürliche den ganzen Kontinent), aus dem Nahen Osten, aus dem restlichen Asien, aus Europa und vor allem aus Afrika können jedem das Herz zerreißen.

Auch unterstützen diese heterosexistischen Institutionen, dass sich allein am heutigen Tag sich mehrere homosexuelle Jugendliche in Westeuropa das Leben genommen haben. Kein Wunder, wenn „schwul“ und „Schwuchtel“ die häufigsten Schimpfwörter auf allen Schulhöfen sind und das fast alle LehrerInnen dulden und das manche sogar oft unterstützen. Es handelt sich nämlich um eine gesellschaftlich legitimierte und extrem destruktive Diskriminierung. Ich habe mit 15 angefangen Antidepressiva zu nehmen. Zwei Jahre lang. Mit 16 habe ich einen Selbstmordversuch erlebt. Ich war ein sehr geliebtes Kind und wurde damals in der Schule von allen anerkannt. Ich bin außerdem in einem relativ liberalen und intellektuellen Umfeld aufgewachsen. Andere haben es viel schwieriger.

Die Kirche feiert weiter diese Vernichtung. Vielleicht meint sie das gut. Atomkraft wird bestimmt von vielen auch gut gemeint. Die Position der katholischen Kirche und zahlreicher anderer monotheistischer Religionsgemeinschaften ist gesellschaftspolitische Brandstiftung und wurde jetzt nicht harmloser, nur weil das Feuer heute viel stärker in einem anderen Kontinent brennt.

Dass es nur besser werden kann, können wir hoffen, aber leider auch sehr bezweifeln. Es gab schon mal relativ gute Zeiten in Europa und danach wurde alles immer wieder schlimm. Die "heiligen" homophoben Zitate, können also immer wieder zum Ausdruck kommen.

Viele Christen, Juden und auch Muslime sprechen für die Gleichberechtigung. Unter ihnen auch Geistliche. Vier Bischöfe sind offen homosexuell und drei davon sogar verheiratet. Wer aber den Segen eines ideologisch so inkonsistenten und widersprüchlichen Textes gutheißt, begünstigt die Entstehung wörtlicher Lesarten, die tatsächlich vorkommen 

und immer häufiger, und trägt auch Verantwortung für diesen Holocaust, weil sie oder er genau weiß, wir leben nicht in einer Welt, in der jeder kritisch lesen kann, niemand die Beeinflussbarkeit ungebildeter oder psychisch angeschlagener Menschen ausnützt, niemand Bösartigkeit in sich trägt oder Aggressivität abbauen will.

Wenn man an so einem Gott glaubt, gibt es keine höhere moralische Instanz. Wer außerdem diese Texte als sein Wort erkennt, legitimiert dadurch alles, was in diesen steht und setzt somit das Leben von Menschen in Gefahr.

Es ist für mich nicht angenehm, hier vor vielen unbekannten Menschen, von denen die meisten zu einer sozial konstruierten Mehrheit gehören, die mich sexualisiert, mich auch mittels solcher heterozentristischen Glaubenssysteme in eine unangenehme und sogar gefährliche Peripherie schickt, zu stehen und über Aspekte meiner Person, die niemanden hier was angehen sollten, zu sprechen. Peinlich sollte Ihnen sein, dass es ein Schwuler sein muss, der dagegen spricht.

Es wird anscheinend von mir erwartet, dass ich den Segen eines Textes, der den Mord an meiner eigenen Person fordert, gutheiße, dass ich den Mund halte und dass ich dankbar bin, dass ich überhaupt leben darf.

Ich habe die erste E-Mail, die ich Herrn Professor diesbezüglich gesendet habe, an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer hier geschickt und ein Feedback von einem Kollegen bekommen, wo wörtlich stand: „Auch wenn’s mich nicht DIREKT betrifft, finde ich es gut, dass du...“. Ich habe es nicht übelgenommen, aber ich denke, ich würde nie auf die Idee kommen, einem Schwarzen Menschen, das zu schreiben, wenn ich von ihm eine E-Mail über Rassismus bekommen würde. Das zeigt uns, wie stark die Heteronormativität in der Gesellschaft präsent ist. Viele haben eindeutig Angst, homosexuelle Neigungen zu haben und vor allem heterosexuelle Männer müssen sich ständig beweisen, dass sie „richtige Männer“ sind. Dadurch unterdrücken sie ihre ganzen weiblichen Eigenschaften und das, was sie in sich nicht sehen wollen, lehnen sie bei anderen ab. Der Taoismus hat ganz richtig erkannt, wir haben alle eine männliche und eine weibliche Seite. Yin und Yan. Kein Wunder, dass sie viel lockerer mit der Homosexualität umgegangen sind. Alles was man unterdrückt, findet einen anderen Weg an die Oberfläche. Dieser ist oft nicht harmlos.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Priesteramt dank des Zölibats als Fassadeberuf für viele Homosexuelle funktioniert. Bestimmt auch für viele als Selbstbetrug. Wenn man sie dazu zwingt, ihre Sexualität zu unterdrücken und auch so arg davon überzeugt, dass das, was sie spüren eine Perversität ist, dann soll man sich nicht wundern, wenn sie das pervers ausleben, wenn sie das rauslassen. Der Missbrauch an Jugendlichen in katholischen Einrichtungen ist teilweise ein Produkt, das die Kirche mit ihrer überfordernden Moral selbst erzeugt. Schlimm ist auch, dass dadurch der Zusammenhang zwischen Homosexualität und Perversität in diesem Kreis bestätigt wird und die ganze Gesellschaft beeinträchtigt wird. Deshalb wundert mich auch nicht, dass in manchen christlichen Religionsgemeinschaften, die keinen Zölibat haben, Homosexuelle schon heiraten dürfen.

Außerhalb der Kirche wird die Homosexualität meiner jahrelangen und intensiven Erfahrung nach ganz harmlos ausgelebt.

Wenn wir die Homosexualität akzeptieren, werden bestimmt viel weniger Jugendliche Scheußlichkeiten in katholischen Einrichtungen erleben, homosexuelle Jugendliche und Erwachsene werden das Gefühl haben, in einem viel weniger bedrohlichen Umfeld zu leben und die sogenannten Heterosexuellen werden sich selbst auch besser akzeptieren, genau wie sie sind, weiblich und männlich gleichzeitig. Das würde vielleicht einen Beitrag dazu leisten, eine ausgeglichenere Gesellschaft zu haben und vielleicht sogar eine friedlichere Weltpolitik.

Bezüglich der gleichgeschlechtlichen Ehe muss ich sagen, dass die Ehe in unserem Kulturraum nicht genau einer Kinderfabrik entspricht, sondern eher der Legitimierung der Liebe und der Sexualität zwischen zwei Erwachsenen. Wäre es nicht so, dürften 50-jährige Frauen auch nicht heiraten. Viele homosexuelle Paare brauchen diese Legitimierung dringend. Außerdem denke ich, wenn man kein bisschen von einer Tradition opfern kann, um einem einzelnen Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass er in einem weniger bedrohlichen Umfeld lebt und somit vermeiden, dass er sich morgen das Leben nimmt, soll man bitte sofort aufhören, über Nächstenliebe zu sprechen.

Bezüglich der Adoption muss ich sagen, dass ich aus Buenos Aires komme. Laut einer Studie ist das die Stadt mit der höchsten Lebensqualität Lateinamerikas. Trotzdem müsste man blind sein, um nicht täglich und überall Straßenkinder zu sehen. Diese haben eine sehr niedrige Lebenserwartung und leben unter perversen Umständen. Allein in Brasilien gibt es 6 Millionen Straßenkinder! Wie viele gibt es weltweit? Viel mehr als Menschen, die bereit sind, Kinder zu adoptieren. Ich glaube, die Gefahr, die besteht, wenn diese Kinder auf der Straße leben, tausend Mal schlimmer ist, als die Gefahr, dass wir sie alle in Rosa anziehen oder wer weiß was!

Keine Tradition kann so wichtig sein, um das Leben von Menschen in Gefahr setzen zu dürfen. Wer das anders sieht, sollte sich fragen, was sie oder er mit Nächstenliebe eigentlich meint.

Es tut mir sehr leid, wenn ich jemandem hier ein schlechtes Gewissen verursacht habe. Mein Engagement für Menschen, die viel benachteiligter sind als ich, steht auf jeden Fall darüber. Danke schön!

Aktualisiert: 30.08.2017