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Dienstag, 21. August 2018
  Überregional  Archiv  Schwule Chronik  BRD (1969-1989)

Die Zeit von 1969 bis 1989

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Der Wandel in der schwulen Subkultur kam erst im Jahre 1969, als die Große Koalition mit Kurt Georg Kiesinger (CDU) als Bundeskanzler und Willy Brandt (SPD) als Außenminister die erste Reform des Strafgesetzes durchführte.

Mit dem Beginn der sexuellen Revolution zum Ende der 60er begann auch die Freiheit für die Schwulen. Es wurden Gruppen und Vereinigungen gegr¨ndet, die sich für mehr Rechte für Homosexuelle einsetzten. Ein weiteres Zeichen der Emanzipation von Schwulen und Lesben ist der Aufstand im Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street. Dieser Aufstand gegen staatliche Willkür wird seitdem als Christopher Street Day jährlich gefeiert. In Deutschland dauert es allerdings 10 Jahre, bis dieser wichtige Tag zum ersten Mal gefeiert wird.

Die 80er bringen zwei neue Gefahren: Neonazis und AIDS. Die neue Krankheit zeigt sich erstmals in der schwulen Subkultur der Vereinigten Staaten, verbreitet sich dann inerhalb kürzester Zeit über den ganzen Erdball. Der einzige Schutz: Safer Sex.

In den 80ern zeigen sich nun neue Gesichter der antischwulen Gewalt: Neonazis. Rechtsradikale Übergriffe häufen sich, und nicht selten kommt es dabei zu Toten.

Dass alte Gewohnheiten auch weiterhin das Tagesgeschäft prägen, zeigt sich bei weiteren Institutionen: Die Bundeswehr hält weiterhin an Meinungen fest, die in den 60ern vertreten wurden, in der Regierung werden Anträge abgelehnt, weil sie das Wort schwul für unerträglich halten und die Polizei lässt sich trotz aller Loslösung von alten Vorstellungen immer wieder neue Methoden einfallen, um Schwule zu bespitzeln.

25.6.1969

BRD: Reform des StGB; das letzte aus NS-Zeiten gültige Recht, der §175, ist nach 24 Jahren abgeschafft. Es wird eine Schutzaltersgrenze eingeführt: Homosexualität bis 21 ist bedingt strafbar, ab 21 Jahren straffrei.

27./28.6.1969

USA: Eine Polizeirazzia im New Yorker Stonewall Inn löst Krawalle zwischen den Homosexuellen und der Polizei aus; es ist das erste Mal, dass sich Schwule und Lesben gegen staatliche Willkür richten.

29.09.1969

Die erste Gazette für Schwule, "Du & Ich" erscheint.

15.08.1971

Rosa von Praunheim und Martin Dannecker bringen den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" heraus.

09.10.1972

Die DAH (Deutsche Aktionsgemeinschaft Homosexualität) wird gegründet

15.1.1973

Die ARD sendet bundesweit (Ausnahme: Bayern) den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" aus. Der Film löst eine heftige Diskussion aus, die Ablehnung in der Bevölkerung scheint deutlich: Noch während der Sendung rufen protestierende Zuschauer an, 95% beschweren sich. Den Tenor kommentiert die WDR-Pressestelle wie folgt: "Die Homos sollen in der Ecke bleiben und gefälligst nicht herauskommen." In Ost-Berlin gründet sich die HIB (Homosexuelle Interessensgemeinschaft Berlin). Das Kürzel HIB wird auf Wunsch der Mitglieder an einer Halskette getragen.

23.11.1973

Die zweite Reform des §175 StGB betrifft: Das Schutzalter wird von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Die homosexuelle Prostitution ist nicht mehr strafbar.

21.05.1973

Erstmals wird das Wort "schwul" zur Selbstidentifikation in Veröffentlichungen verwendet.

01.07.1975

Im Versandhandel "Loge 70" wird S/M-Pornographie beschlagnahmt. Kunden werden ebenfalls aufgesucht, gefundenes Material beschlagnahmt.

30.05.1977

Gründung der "Nationalen Arbeitsgruppe Repression gegen Schwule" (NARGS); Aufgabe: systematische Katalogisierung von Materialien, die der Diskriminierung von Schwulen dienen.

13.03.1978

Mit Wolfgang Krömer wird erstmals ein offen Schwuler als Bürgerschaftskandidat für Hamburg aufgestellt.

05.10.1978

Titelblatt des Stern: "Wir sind schwul". 600 Männer outen sich freiwillig; im Falle eines 17-Jährigen ermittelt die Staatsanwaltschaft, sie droht dem jungen Mann mit Beugehaft, wenn er nicht den Namen seines 40-jährigen Freundes preisgibt.

10.12.1978

DDR: Die Anerkennung der HIB wird mit Begründung abgelehnt, "es bestünde kein gesellschaftliches Interesse, eine eigene Organisation zu gründen".

30.06.1979

Anlässlich der 10. Jahrestages des Aufstandes im Stonewall Inn wird nun auch in der BRD der CSD (Christopher-Street-Day) gefeiert: 800 Menschen in Bremen, je 400 Menschen in Stuttgart und Berlin.

30.09.1979

Der Plan der griechischen Regierung, Homosexualität gesetzlich zu verbieten, löst internationale Proteste aus; Organisatorin der Proteste ist die IGA, die sich später zur ILGA (International Lesbian and Gay Organisation) umbenennt.

25.10.1979

Das Bundesverwaltungsgericht urteilt: "Eine homosexuelle Neigung schließt die Eignung eines Soldaten zum Vorgesetzten aus."

03.06.1980

Corny Littmann, Spitzenkandidat der Hamburger Grünen, zerschlägt am Spielbudenplatz in Hamburg auf einer öffentlichen Toilette einen Spiegel. Dahinter befindet sich ein 4m2 großer Raum, der der Polizei zur Bespitzelung dient.

01.12.1980

Das Magazin prangert die FDP-Politikerin Hildgard Hamm-Brücher an. Diese hatte eine Reform des §175 StGB mit Begründung abgelehnt, sie "wolle die jungen Männer vor den alten Greisen bewahren."

28.05.1981

Der Neonazi Johannes Bügner wird von vier Gesinnungsgenossen hingerichtet. Als Grund geben die Täter an, Bügner wäre "ein Verräter und Schwuler." Die Täter werden mit Haftstrafen von mehreren Monaten und z.T. zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

03.07.1981

Die Krankheit AIDS wird erstmals in der Presse erwähnt. Die New York Times berichtet vom "Carposi sarcom", die bei Schwulen festgestellt wurde. 1982 wird der erste AIDS-Kranke in der BRD diagnostiziert, 1984 sind es 20. Allein zwischen 1985 und 1990 sterben ca. 10.000 Menschen an AIDS.

Die bayerische Staatsregierung erwägt 1987 die Einführung eines AIDS-Gesetzes. Dieses soll die Untersuchungspflicht für bestimmte Risikogruppen (Drogenabhägige, Prostituierte und Homosexuelle) einführen. Bei Menschen, die in einem schwulen Lokal angetroffen werden, gilt ein "Ansteckungsverdacht". Für Betriebe mit schwulen Kunden sollen Auflagen gemacht werden, eine Schließung wird erwogen.

05.10.1981

Mit Hilfe der Presse gelingt es der Ulmer Schwulengruppe "Schwulm", die Erlaubnis für einen schwulen Infostand zu erreichen. Dieser war mit der Begründung abgelehnt worden, "Werbung für Homosexualität verstoße trotz der Wandlung der öffentlichen Meinung gegen die öffentliche Ordnung.

10.04.1982

Der Bischof von Straßburg, Léon Arthur Eichinger, verweigert die Aufnahme von 150 Teilnehmern (Eichinger: "moralisch Kranke") eines ILGA-Treffens in das Heim der christlichen Arbeiterjugend. Diese müssen bei Regen und Temperaturen um den Gefrierpunkt auf einem Campingplatz übernachten.

12.06.1982

Bei einer Lesben- und Schwulendemo in Hamburg werden ein 10- und 16-Jähriger festgenommen. Der Jüngere wird 2 Stunden festgehalten, der Ältere wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern festgenommen. Das Verfahren wird später aus Mangel an Beweisen eingestellt.

30.09.1982

Michael Lindner, Kompaniechef wird in den Ruhestand versetzt. Als Begründung gibt die Bundeswehr das Urteil des Bundesverwaltungsgericht vom 25.10.1979 an.

Im gleichen Jahr stellt der Bundesverwaltungsgerichtshof fest: "Homosexuelle Soldaten sind nicht grundsätzlich wehruntauglich." Eine Ausmusterung sei nur dann gerechtfertigt, wenn die Homosexualität zu einer "echten Perversion degeneriert" sei.

23.12.1982

Die Kießling-Affäre: General Günther Kießling wird wegen seiner angeblichen Homosexualität unehrenhaft entlassen. Der MAD (Militärische Abschirmdienst) glaubte ein Sicherheitsrisiko zu erkennen, da Hr. Kießling erpreßbar wäre.

Kießling bestreitet dies in einem Interview am 12.1.1984. Alexander Ziegler behauptet am 20.1.1984, Beweise für Kießlings Homosexualitä zu besitzent.

Verteidigungsminister Wörner erklärt bei einem anschließenden Gespräch: "Ich habe nicht das geringste gegen Homosexuelle, im Gegenteil, in meinem Haus verkehren Homosexuelle, Bekannte meiner Frau. [...] Wenn Kießling seine homosexuellen Neigungen zugegeben hätte, wäre überhaupt nichts passiert."

Kießling wird schließlich rehabilitiert und am 26.3.1984 mit dem Großem Zapfenstreich verabschiedet.

12.03.1984

München: Herbert Rusche (Grüne) wird nach einer Wahlveranstaltung, bei der er für die Abschaffung des §175 plädiert, leicht verletzt. Rusche war der erste offen schwule Abgeordnete. Die Täter stammten aus den Reihen des Neonazis Michael Kühnen.

20.07.1984

DDR: In einer Mitteilung des Ministeriums für Staatssicherheit wird mitgeteilt, dass "in den letzten 14 Tagen eine Aufstellung aller bekanntne Homosexuellen durch die Zentralstelle für Geschlechtskrankheiten erarbeitet und dem Institut für Blutspende [...] übergeben" wurde.

08.05.1985

Bundespräsident Richard von Weizsäcker erinnert anlässlich des Gedenktages an die Opfer des dritten Reichs auch an die Homosexuellen. Dies ist die erste Erwähnung durch den höchsten Repräsentanten der BRD.

12.08.1985

Mit Eldoradio geht in Berlin das erste schwule Radioprogramm Deutschlands auf Sendung.

11.08.1987

DDR: Das oberste Gericht begründet erstmals in einer Verhandlung um den §151 StGB einen Freispruch mit folgenden Argumenten: "Homosexualität ist ebenso wie die Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens [...]. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der Gesellschaft, und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet. [...]"

24.11.1988

BRD: Die Forderung der Grünen nach einem Schwulen- und Lesbenreferat im Familienministerium wird nicht zur Beratung zugelassen, da die Begriffe schwul und lesbisch "von der überwiegenden Mehrheit" der Abgeordneten nicht akzeptiert werden könnten.

14.12.1988

DDR: Der §151 StGB wird komplett gestrichen. Homosexualität ist in der DDR nicht mehr strafbar